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07 04 | '14

Wie zur Hölle findet man bloss Ideen?

Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Jeder hat Ideen. Jeder. Nur sind manche so schnell mit dem Unterdrücken bzw. Zensieren ihrer Ideen, dass diese manchmal nur für ein paar Sekunden im Bewusstsein überleben, bevor sie heimtückisch ermordet werden. Keith Johnstone hat das in seinem Buch "Improvisation und Theater" sehr schön aufgezeigt - und was ist die Illustration anderes als ein Improvisationstheater, wenn auch häufig ein Solostück? Beim Schauspiel spürt er, wenn jemand zögert, bevor er eine Frage beantwortet. Er fragt dann: Was war dein erster Gedanke? Oft sind es sexuelle oder gewalttätige oder rassistische Ideen, Sachen, mit denen die jeweilige Person ein Problem hat oder die peinlich sein könnten, die vielleicht sozial nicht akzeptiert sind. Ich sage nicht, dass man rassistische Zeichnungen machen soll. Aber jede Idee - und sei sie noch so klein, lächerlich und doof - trägt den Samen in sich, der zu einem riesigen Baum mit vielen Ästen heranwachsen kann.

Neurologisch ist das so: je mehr Ideen man unterdrückt, desto mehr trainiert man sein Gehirn, Ideen nicht zuzulassen. Irgendwann sagt sich das Gehirn: "Die hört mir ja doch nicht zu" und spuckt gar keine Ideen mehr aus. Wenn ich jedoch jedem Gedanken Beachtung schenke, dann belohne ich mich damit selbst - und trainiere mein Gehirn damit auch darauf, noch mehr Ideen zu generieren - einfach, weil es Spass macht und sich gut anfühlt.

Für mich bedeutet das leider auch, dass das Setting bei uns an der Schule manchmal etwas suboptimal ist. Ich brauche Einsamkeit, um wirklich loszulassen. Es ist nicht allzu entspannend, wenn ich jederzeit bei einer peinlichen Zeichnung oder einem scheinbar dummen Gedanken erwischt werden könnte. Manchmal sitze ich in den Nebenraum, wenn da keiner ist. Oder ich verkrieche mich in die Mensa, wo zwischen den Pausen auch nicht viel los ist. Im Sommer werde ich mich sicher auch mal nach draussen setzen.

Tja und dann muss man nur noch spontan all dem folgen, das einem zu dem Thema durch den Kopf geht. Was dich interessiert, das ist wichtig. Unsere Interessen und Meinungen sind genauso einzigartig wie ein Fingerabdruck. Keiner kann eine Illustration genauso machen wie du. Du bist etwas ganz Besonderes und das solltest du auch zeigen. Und es gibt Zeichnungen, die schlecht sind - bei mir gibt es die sogar massenweise. Normalerweise bekommt man die 300 Entwürfe, die dem einen genialen Wurf vorausgegangen sind, nicht zu sehen.

Das gibt einem manchmal das Gefühl, der einzige Depp zu sein, der sich inmitten von Genies befindet. Das ist Quatsch. Ich habe bei jedem Projekt denselben Kampf und ich schufte wie ein Ochse, um am Schluss wenigstens für ein paar Sekunden dieses Gefühl der Erfüllung zu haben, wenn ich es erreicht habe - wenn der winzige Funke plötzlich ein ganzes Feuerwerk zündet. Das ist dann manchmal der Moment, wo mich jemand fragt: "Woher nimmst du bloss diese gute Ideen?" Eigentlich wäre die Antwort folgendermassen:

"Setze dich vier Tage lang jeweils mindestens fünf Stunden hin, kritzel irgendwelche Ideen vor dich hin, während du dich fühlst, als wärst du gehirntot, weil dir einfach nichts einfallen will. Dazwischen gehst du siebzehn Mal aufs Klo, um wenigstens mal für fünf Minuten von dem verdammten Arbeitstisch weg zu kommen. Dann kommt noch mindestens dreimal der Dozent und sagt dir, dass das, was du machst, nicht gut ist - zu trocken, zu langweilig, zu primitiv, zu offensichtlich. Jedes Mal rappelst du dich danach wieder auf, kratzt die Reste deines Egos zusammen, besorgst dir einen tröstenden Schokoriegel und setzt dich wieder auf deinen Hintern und arbeitest weiter. Dazwischen gehst du mal in die Bibliothek und schaust dir beliebig ein paar Kunstbücher an, damit du nicht vergisst, dass man an diesem Zeichnenzeugs auch noch Spass haben kann und dass man eigentlich ganz tolle Sachen produzieren könnte, wenn man nicht gerade so geistig verdorrt ist wie jetzt gerade. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem es heisst: So, übermorgen musst du dann aber mal wissen, was du zeichnen willst. Und du denkst dir: okay, dann leckt mich mal alle am A...llerwertesten! Du setzt alles auf eine Karte und machst jetzt nur noch das, was dein Instinkt dir sagt. Dein Verstand schreit auf, dass der Dozent was anderes will, dass du in den verbleibenden fünf Stunden nichts mehr hinkriegen wirst, dass du nichts taugst, nichts kannst und sowieso und überhaupt. Den Verstand ignorierst du diesmal und gehst einfach stur deinen Weg weiter. Nach viereinhalb Stunden macht sich langsam Verzweiflung breit. Du legst zum hundersten Mal deine Zeichnungen auf dem Boden aus, drehst und wendest und schaust... und plötzlich macht es "Ping!". Da ist es, was du gesucht hast! Da ist das Prinzip, das du jetzt auf alle Bilder anwenden kannst. Du bist immer noch überzeugt, dass dein Dozent alles davon schlecht finden wird. Aber es ist dir egal, weil es sich verdammt gut anfühlt. Du hast genau das ausgedrückt, was du sagen wolltest - du hast zu dir selbst gefunden."

Und ich bin mir sicher, dass es dann besonders bockige Leute gibt, die nach diesem Monolog immer noch mit dem furchtbarsten aller Sätze kommen können: "Sowas könnte ich nie. Du hast halt einfach Talent."

Lustigerweise kriegt ein Metzger sowas nie zu hören. Ein Anwalt wohl auch nicht. Nur kreative Leute, die scheinen mit einem Naturtalent ausgestattet zu sein. Irgendwann will ich mal wirklich wissen, woher der Antrieb kommt, kreativ tätige Menschen so auf einen Sockel zu stellen. Schlussendlich mag der Satz einfach so dahin gesagt sein. Und wahrscheinlich soll es auch ein Kompliment sein. Aber wenn man es genau betrachtet, ist es eine Missachtung der ganzen Arbeit, die hinter diesem Bild steckt. Und es blockiert all die Leute, die es versuchen und nach dem ersten gescheiterten Versuch glauben, kein Talent zu haben und es deshalb eh nie zu schaffen. Würde jedes Kind beim ersten fehlgeschlagenen Versuch, Fahrrad zu fahren, sofort aufgeben, gäbe es verdammt wenig Fahrradfahrer auf dieser Welt.

Bevor mein Text zu sehr ausufert, komme ich mal langsam zu einem Ende. Ich kann euch nur eins empfehlen: üben, üben und verdammt noch mal nochmals üben. Visuelles Denken will gelernt sein. Zeichnen will gelernt sein. Ideenentwicklung will genauso gelernt sein wie alles andere.

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